Vivre, écrire. Michel Leiris

Jean-Michel Lou

Texte d'une conférence en allemand sur Michel Leiris tenue à la "Alte Schmiede", Vienne, le 13 décembre 2017, dans le cadre d'une soirée Leiris conçue par Thomas Stangl et moi-même
LEBEN, SCHREIBEN. MICHEL LEIRIS
„Warum schreiben?", „für wen schreiben?", „was heißt Schreiben?", das sind die großen Fragen… Fragen, die einst Jean-Paul Sartre, kurz nach dem zweiten Weltkrieg, in seinem Buch Was ist Literatur, Qu'est-ce que la littérature? gestellt hat. Keine Fragen nach der Essenz (wir sind heute nach wie vor uneinig, was Literatur, was Schreiben ist), Sartre selbst versteht seine Reflexion immer als situativ, wie es der Titel seiner Reihe literaturanalytischer Texte bezeugt: Situation. Situation 1, 2, 3… bis 10. „Situation des Autors 1947"(Titel eines Kapitels von Was ist Literatur).
Manche haben damals gemeint dass, nach Auschwitz und Hiroshima, man nichts mehr sagen, nichts mehr erzählen, nichts mehr schreiben kann, schreiben darf. Wie könnte man noch irgendetwas erzählen, nachdem die Realität jede Fiktion, jede horrende Vorstellung an Grausamkeit übertraf? War der Tod des Erzählens, der Tod des Romans, eingetreten? Ausschwitz und Hiroshima markieren zumindest den Beginn einer anderen Art des Erzählens (wie vorher die Sinnkrise nach dem ersten Weltkrieg einen Wendepunkt im europäischen Romans auslöst, den Moment Proust-Kafka-Broch-Svevo-Joyce-Musil).
Erzählen, ohne zu erzählen. Kenzaburō Ōe erzählt Hiroshima ohne es zu erzählen, indem er in seinem Roman Eine persönliche Erfahrung über sein eigenes Leiden um die Geburt seines geistig behinderten Sohnes berichtet (der Roman ist zwar formell eine Fiktion, aber der Icherzähler sieht dem Autor sehr ähnlich). Georges Perec erzählt die Shoah ohne sie zu erzählen in seinem merkwürdigen Roman W oder die Kindheitserinnerung, die folgendermaßen beginnt: „Ich habe keine Kindheitserinnerung". W besteht aus zwei verschiedenen, dem Anschein nach voneinander unabhängigen, alternierenden Erzählungen: brüchige Kindheitserinnerungen des Erzählers und eine seltsame Allegorie von einer Insel namens W, in der die Jugend die Herrschaft übernommen hat und ihrem Körperkult in der Organisation von Olympiaden Rechnung trägt; die Teilnahme daran fördert Konkurrenzkampf, Selektion und letztendlich Elimination der Schwächeren zutage. Perec liefert keinen Kommentar, keinen Schlüssel. Georges Perec, französischer Autor jüdisch-polnischer Abstammung, hat seine Mutter in Auschwitz verloren, was im ersten Teil von W angedeutet wird. Aber es gibt keinen Hinweis darauf in seinen anderen Büchern, die sich spielerisch (verspielt), skurril, lustig, poetisch lesen lässt, und das ich als eine einzige Verschiebung, Differanz des Unsagbaren lese.
Michel Leiris hat nicht auf die Nachkriegszeit und das „Zeitalter des Verdachts", L'Ère du soupçon, um es mit Nathalie Sarraute zu sagen (der „Verdacht"ist mir lieber als das „Misstrauen"der deutschen Übersetzung), gewartet, um diesen fundamentalen Zweifel an der Literatur, der Erzählung, des Schreibens zu haben. Der ganze Text Leiris, le texte Leiris, erzählt von der Unmöglichkeit zu erzählen. Er ist sozusagen die Inszenierung des Zweifels, der Unzulänglichkeit, des Scheiterns (seine mise en scène, mise en écriture). Aber das führt paradoxal zu Büchern wie seiner Tetralogie Die Spielregel, die heutzutage zurecht als Meisterwerke der Weltliteratur gelten und z.B. heute Abend in Wien, Mitteleuropa, im Jahr 2017 (übrigens 70 Jahre nach Sartres Fragestellung), in deutscher Sprache kommentiert werden. Also ein sehr erfolgreiches Scheitern…
Woran scheitert er? Am Anfang, während seiner surrealistischen Periode will er „die Welt verändern", changer la vie, dem Aufruf Rimbauds und Marx folgend. Rimbaud, Marx, stellen für Leiris die zwei Horizonte, Poesie und Revolution dar, die er vereinen möchte, Inneres und Äußeres, Kontemplation und Aktion, Literatur und Politik, Schreiben und die Welt. Als junger Dichter träumt er, wie viele vor und nach ihm, das Buch zu schreiben, das Buch, wie Mallarmé sagt, „das alle Bücher enthielte". La vraie vie est ailleurs, das wahre Leben ist anderswo (noch einmal Rimbaud), es geht darum, durch den poetischen Augenblick dem alltäglichen, gemeinen Leben zu entkommen. Es gibt bei Leiris wie bei den Surrealisten, nach Rimbaud und Mallarmé, einen quasi religiösen Glauben an das Medium, das die Tür zum wahren Leben öffnet: die Sprache. Aber vielleicht ist das mallarmeische Buch der unerreichbare Horizont jedes Schreibenden. Wir wissen es: Das Scheitern ist vorprogrammiert.
Leiris versucht sich am Beginn seiner Autorenkarriere in den klassischen literarischen Genres, Poesie, Roman. Seine Gedichte schöpfen aus den Träumen und dem Unbewussten, am Beispiel der Surrealisten, mit einer inflationären Verwendung eines ekstatischen Vokabulars und sie ähneln einer Parodie des Surrealismus und dessen Posen. Man hat den Eindruck, dass er ihn in einer Form fixiert und verhärtet, um ihn zu töten (oder zumindest zu überwinden). Und er schreibt einen einzigen Roman, Aurora, schon „autobiographisch", nach dem Modell von Gérard de Nervals Aurelia; ich bezeichne ihn als eine „fantastische Autobiographie"; er ist eine Art Dekonstruktion des Romans als Genre. Und das Theater ? Leiris ist seit seiner Kindheit vom Theater und von der Oper fasziniert und einige dramatische Figuren haben seine ganz persönliche Mythologie integriert, indem sie Regionen seiner Psyche verkörpern. Von seinem frühen Kontakt zum Theater bleibt eine Zuneigung für die Helden (vor allem die tragischen) und eine Tendenz zu dramatisieren - er begibt sich mutwillig in gefährliche oder demütigende Situationen, von denen er eine Erlösung von seinem Körper und von sich selbst erwartet und die in seinen, in Fibrillen erzählten Selbstmordversuch kulminiert. Das dramatische Element ist auch erkennbar in seiner Liebe zum Stierkampf, den er auch als Metapher für die Literatur nimmt, De la littérature considérée comme tauromachie; der Stierkampf ist ja der Inbegriff des Dramas: sowohl Gefährdung (Spiel mit dem Tod) und Inszenierung, mise en danger et mise en scène. Aber Leiris hat kein Theaterstück geschrieben, abgesehen von einigen grotesken, parodistischen Szenen in seinem Tagebuch, die einer Hinrichtung des Dramas als Genre ähneln.
Poesie, Roman, Theater, Leiris lässt die großen Genres der abendländlichen Literatur, obwohl sie seine spirituelle Nahrung sind, beiseite. Er wird nicht das ersehnte, ultimative Buch schreiben. Er wird auch nicht sein „Ich"in einem poetischen oder revolutionären Akt mit der Welt verschmelzen. Stattdessen wird er immer mehr zu sich selbst zurückgeworfen. Abgesehen vom Tagebuch, das er ab dem Jahr 1922 führt, beginnt die Selbsterkundung durchs Schreiben mit dem Buch Phantom Afrika, erschienen 1934, das ursprünglich der Bericht der ethnologischen Expedition Dakar-Djibouti sein soll, die er als Sekretär begleitet, aber nach und nach eine Art intimen Tagebuchs wird (es ist bezeichnend, dass Leiris, während dieser Periode, das Niederschreiben seines eigentlichen Tagebuchs unterbricht, um es nach der Expedition wieder aufzunehmen). Ab diesem Zeitpunkt schreibt Leiris nur mehr sich selbst. Seine Form sucht er im autobiographischen Genre, das in Frankreich zwar marginal ist aber gekennzeichnet durch zwei berühmte Vorgänger, Montaigne und Rousseau (ohne die Essays und die Bekenntnisse, die für Leiris Modelle und Orientierungslinien sind, gäbe es die Spielregel nicht).
Mannesalter, das erste, im wahrsten Sinn des Wortes autobiographische Buch Leiris, ist fast das Gegenteil von einem Tagebuch, denn er setzt das Portrait des Selbst aus ein paar Motiven erotischer Natur und mittels scheinbar sehr strukturierter Kapitel zusammen. Trotz einiger sexueller Bekenntnisse à la Rousseau (aber ich orte auch starke Analogien mit Mishimas Geständnis einer Maske), ist das „Ich"in Mannesalter meines Erachtens nicht nahe bei ihm selbst: es ist dramatisiert, mythologisiert, literarisiert. Das Buch löst sich am Schluss langsam auf und zeigt dabei seine allzu künstliche Natur.
Dieser Zerfall der Komposition, dieses Schwinden des Literarischen führt Leiris zu seinem vielfältigen, eigensinnigen, einzigartigen Werk, von dem wir einige Ausschnitte im ersten Teil dieses Leiris gewidmeten Abends gelesen haben, Die Spielregel. Es ist unmöglich, Die Spielregel zu beschreiben, ja zu deuten (obwohl zahlreiche, oft scharfsinnige Kommentare darüber geschrieben wurden). Leiris wusste wahrscheinlich nicht, wohin er ging, als er sein Werk begann, das sich im Laufe der 36 Jahre, die seine Entstehung gedauert hat, nach und nach verwandelt. Er beschließt, „alles zu sagen", „ohne Emphase".
Die Autobiographie, „sich schreiben"kann auch eine Strategie sein, aus dem Erzähldilemma herauszukommen (vielleicht nicht vollständig zu lösen, aber zumindest zu umgehen). Leiris nimmt sich als Objekt seiner Beobachtung, verfährt mit sich selbst ein wenig wie mit einem Forschungsobjekt (er sammelt Erinnerungen und ordnet sie anhand von Karteikarten wie anthropologische Gegenstände - man hat tatsächlich seine autobiographischen Werke als eine Anthropologie des „Ichs"bezeichnet). Es gibt etwas zu erzählen, ohne gleich dem Verdacht der Fiktion zu verfallen. „Ich"ist das Objekt, das „Ich"am besten kennt (woran man zweifeln kann: ist es möglich, sich selbst zu kennen? Leiris nach Montaigne ist sich dessen nicht so sicher). Es entsteht ohnehin eine Art Dokument und dem Leser wird „Wirklichkeit"suggeriert. Ich werde euch etwas über mich erzählen, sagt der Autor den LeserInnen und erzeugt damit bei ihnen eine Erwartungshaltung. Das ist, was Philippe Lejeune den „autobiographischen Pakt"genannt hat. Leiris verspricht „Authentizität", „Aufrichtigkeit". Ergibt sich da ein Trugbild?
Was heißt das, eine Sprache für sein eigenes Leben zu finden? Was heißt Schreiben? Das eigenwillige Unterfangen eines Zeitgenossen wie Karl-Ove Knausgård, sich schonungs- und rückhaltlos zu schreiben, hat viel Gemeinsames mit Leiris Egotexten. Der Anstoß ist derselbe: Knausgård liest Auf der Suche nach der verlorenen Zeit und beschließt Min kamp zu schreiben; Leiris liest Prousts Werk zum zweiten Mal in Le Havre und schreibt die erste Fragmente von dem, was Die Spielregel werden wird. Aber die Haltung, die beide Autoren verbindet, ist in erster Linie das Streben nach kompromissloser Authentizität, d.h. nach Wirklichkeit. Das geht einher mit einem Argwohn gegenüber der Fiktion; Leiris behauptet, das alles, was er über sich selbst schreibt, „wahr"ist und die Erzählung Knausgårds, der seine Präferenzen als Leser für Essays und Aufzeichnungen betont, ist eine Art Bericht, vermeintlich von Fiktion, ja von Literatur, befreit. Aber kann man aufhören, sobald man schreibt, Literatur zu machen? Genügt es, „ohne Emphase"zu schreiben? Leiris wie Knausgård geben als Garantie für die Authentizität, zu der sie sich bekennen, die Schonungslosigkeit, mit der sie mit sich selbst umgehen (und bei Knausgård auch mit den anderen; Leiris hingegen bleibt diskret, schont seine Nächsten, macht nicht einmal in seinem Tagebuch Enthüllungen, abgesehen von seltenen Szenen, z.B. wenn er den Kopf der betrunkenen Simone de Beauvoir hält, während diese sich übergibt; es gibt bei Leiris fast nichts Anekdotisches, während Knausgård vor keiner Peinlichkeit zurückschreckt). Aber die Schonungslosigkeit mit sich selbst war schon Rousseaus Strategie der Bekenntnisse: die Offenbarung intimer Laster oder die Bloßstellung des Icherzählers in peinlichen Situationen lassen vermutlich die LeserInnen nicht daran zweifeln, dass der Autor die „Wahrheit"sagt.
Sagt er die Wahrheit? Sagt er die Wirklichkeit? Was heißt hier „authentisch"? Schreiben (und allein Denken, Wahrnehmen) induziert eine Verschiebung. Sosehr sich Knausgård bemüht, an der sogenannten Realität zu kleben (er erspart uns kein triviales Detail), sein Ichbericht ist doch kein Bericht; seine Erzählungen, die weder linear noch chronologisch sind, ähneln unter diesem Aspekt Leiris Text. Mannesalter und Die Spielregel versuchen zwar der Frage „wer bin ich?"nachzugehen, aber sie sind fragmentarisch, um bestimmte Motive und Schlüsselmomente komponiert: Inszenierungen. Selbstinszenierungen. Ist das weniger verdächtig als Fiktion? Kann man der Wirklichkeit gerecht werden?
Thomas Stangl und ich haben hier vor einigen Jahren unseren französisch-österreichischen Dialog begonnen u.a. mit dem Motiv: „Gibt es die Wirklichkeit wirklich?"Wir spinnen nun die Frage weiter: „gibt es Ich wirklich?". Hier eine berühmte Allegorie aus der chinesischen Literatur: Zhuangzi träumt, dass er ein Schmetterling ist; er wacht auf; wer ist er jetzt? ist er Zhuangzi, der geträumt hat, er sei ein Schmetterling, oder ein Schmetterling, der träumt, er sei Zhuangzi? Die „Wirklichkeit"ist nur eine Hypothese (und Sie? Sind Sie ganz sicher, jetzt, dass Sie nicht gerade träumen?). Ein realistisches Ichportrait machen zu können setzt voraus, dass es ein „Ich"gibt, d.h. eine Essenz, ein Subjekt, gleichzeitig Objekt der Beobachtung und der Beschreibung. Aber wenn „Ich"nur eine grammatikalische Konvention ist? Eine praktische Redewendung? Das „Ich"lässt sich nicht festhalten, fixieren, denn es unterliegt dem Lauf der Zeit. Es ist in Bewegung, in Verwandlung, in Auflösung begriffen. Schon Proust sagt uns dies; Auf der Suche nach der verlorenen Zeit beginnt mit der berühmten Szene des Aufwachens, wo das Ich (der Erzähler als Kind) sich nicht wiedererkennt. Und lange vor Proust, Leiris und Knausgård: Montaigne. Ein paar Zeilen von Montaigne zum Schluss (Montaigne sagt alles - er enthält Leiris zur Gänze):
„Ich jetzt und Ich zur früheren Stunde sind wohl zwei." Moi à cette heure et moi tantôt sommes bien deux III,9
„Je mehr ich mich in mich vertiefe und mich kenne, desto mehr wundert mich meine Formlosigkeit, und desto weniger verstehe ich mich."plus je me hante et me connais, plus ma difformité m'étonne, moins je m'entends en moi III,11
Ich male nicht das Sein, ich male den Übergang, nicht von einem Alter zum anderen, sondern von Tag zu Tag, von Minute zu Minute" Je ne peins pas l'être, je peins le passage, non un passage d'un âge à un autre, mais de jour en jour, de minute en minute III,2
„Wir sind alle Fragmente und von einem Stoff so unförmig und verschieden, dass jedes Stück, jeder Augenblick sein Spiel macht. Es gibt so viel Unterschied von uns zu uns, wie von uns zum Anderen."Nous sommes tous de lopins, et d'une contexture si informe et diverse, que chaque pièce, chaque moment fait son jeu. Et se trouve autant de différence de nous à nous-mêmes, que de nous à autrui II,1
Warum zitiere ich Montaigne, von Leiris sprechend? Es ist derselbe Text. Es ist derselbe, sich fortwährend schreibende Text (vielleicht handelt es sich um das Buch, von dem einst Mallarmé träumte). Warum schreibt Leiris? Am Beginn, um „die Welt zu verändern"; und dann, immer mehr, einfach so; um der Angst und dem Tod einen Streich zu spielen; für die Freude am Schreiben, Zeile für Zeile, Wort für Wort; pour le plaisir du texte. Für wen schreibt er? Für sich selbst; für Zette, seine geliebte Frau ; für seine Zeitgenossen; für seine Vorgänger, für Montaigne, Rousseau, Rimbaud, Proust und alle anderen; für die Zukunft: für euch, für mich, für uns. Und was heißt Schreiben? Aber ich werde nicht wieder von vorne beginnen.
Jean-Michel Lou, Wien, 13.12.2017


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